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1. Februar 2016

Meine Reise auf dem Jakobsweg

„Ich bin dann mal weg“

Es ist der 23. August 2015, ein Sonntag.
Die ganze Nacht habe ich durchgearbeitet um alles noch zu erledigen, denn ab jetzt bin ich 5 Wochen nicht Zuhause.
Kein normaler Jahresurlaub – eine Auszeit, seit Monaten spüre ich das mein Kopf sagt: „Du brauchst Ruhe, Du musst Dich neu sortieren“. So entstand die Idee Meine Reise auf dem Jakobsweg zu beginnen.
Oft lassen wir uns von unserer gesamten Umwelt von allem mitreißen, wollen immer alles richtig machen, jedem jeden Gefallen tun. Ich hatte monatelang das Gefühl in einem Hamsterrad zu sitzen, das sich immer schneller dreht…

Also breche ich auf und bin auf dem Weg zu meinem Startpunkt St.Jean Pied de Port, einem kleinen Ort in den Pyrenäen. Meine Reise von Düsseldorf über Paris und dann nach Bayonne und weiter dauert 15 Stunden, bis ich dann endlich Abends um 21:30 Uhr in einem kleinen Privathotel ankomme um mich schlafen zu legen, um am anderen Tag meine Wanderung zu Fuß von 805 km bis zum meinem Ziel Santiago de Compostela anzutreten. Der Jakobsweg „CAMINO FRANCES“ – ein Weg, den Menschen seit mehr als 1000 Jahren aus ganz unterschiedlichen Gründen laufen.

Meine Reise auf dem Jakobsweg

Seit Hape Kerkelings Bestseller Buch, der im Dezember auch als Verfilmung in die Kinos kam, gibt es immer mehr Menschen die sich aufmachen nach dem Motto „Ich bin dann mal weg“.
Direkt am Montagmorgen (24.08.) frühstücke ich und kaufe in einem kleinen Geschäft gegenüber des Hotels einen Wanderstab der mich ab heute wochenlang begleiten und halten wird auf diesem nicht so ganz einfachen Wanderweg.

Man sollte sich diesen Weg nicht allzu einfach vorstellen. Die erste Etappe nach Roncesvalles, was schon in Spanien liegt, hat es mit der Überquerung der Pyränen in sich. So breche ich um 09:00 Uhr auf und gehe durch die Pforte des kleinen verschlafenen Dorfes um aufzubrechen. Es liegt ein steiler Aufstieg und heftiger Abstieg vor mir.

Wir schleppen im wahrsten Sinne des Wortes viel zu viel mit uns herum.

Und mein Rucksack, das merke ich sofort, ist einfach zu schwer. Wir schleppen im wahrsten Sinne des Wortes viel zu viel mit uns herum. Ich frage mich die ganze Zeit, was tue ich mir eigentlich an? Ich hätte doch besser einen Wellness Urlaub buchen sollen, als schnaufend und schleppend 26 km, 8 Stunden Laufzeit und 1250 m hoch unterwegs zu sein mit gefühlten 18 kg auf meinem Rücken.

Am späten Nachmittag komme ich dann endlich in diesem Kloster an und habe das Gefühl ich falle gleich um. So beziehe ich mein Zimmer, dusche und gönne mir später ein kleines Abendessen und ein Glas spanischen Rotwein.

„Ich schaffe das!“

Früh liege ich im Bett und am nächsten Morgen möchte ich am liebsten liegen bleiben und keinen Schritt mehr weiter gehen – alles tut weh.

Dennoch überwinde ich mich, frühstücke und breche auf – heute ist die Etappe nicht so heftig.
Ich entscheide mich für meinen Weg nicht in die Massenunterkünfte, die sogenannten „Albergues“, zu gehen um trotz der Anstrengungen des Tages, wenigstens Nachts meine Ruhe zu haben. Schon früh morgens brechen die meisten auf um dann später noch einen Schlafplatz zu bekommen. Ich habe für die erste Woche überall vorreserviert, was es mir erlaubt dann zu laufen, wann und wie ich möchte. Ein wahrer Luxus auf dem Weg.

Shirley Mac Laine schrieb das Buch „Der Jakobsweg, eine spirituelle Reise“ und dies ist absolut treffend. Dieses stundenlange Laufen durch die Natur bringt einen zur Ruhe vom Alltag und selbst wenn die Füße weh tun, der Geist ist das wichtigste was auf diesem Weg zählt um durchzuhalten.
Und mein Motiv ist: „Ich schaffe das“ und nach mehreren Tagen kommt auch dieses Gefühl des Loslassens und in sich ruhen.

Weniger Gepäck, ein tolles Gefühl!

So laufe ich durch die Region Navarra in die erste gössere Stadt Pamplona und treffe die Entscheidung ab jetzt mit einem kleineren Rucksack und weniger Gepäck weiterzulaufen sonst werde ich es nicht schaffen.
Ein tolles Gefühl stellt sich ein und es geht vorbei an traumhaft schönen Landschaften, mit vielen Olivenhainen und Weintrauben am Wegesrand die köstlich schmecken durch die Rioja wo die besten Weine Spaniens ihr Zuhause haben.

Das Gefühl mit der Natur und dir selbst im Einklang zu sein gibt mir jeden Tag die Kraft weiterzulaufen.
Mittlerweile habe ich einige Leute aus unterschiedlichen Ländern getroffen und auf diesem Weg ist eine ganz eigene Stimmung und Menschlichkeit anzutreffen.

Und dennoch gibt es diese Momente, in denen ich mich frage, warum mache ich das oder was wird es mir wohl bringen? Es stellen sich neben dem Laufen insgesamt ganz viele Fragen, auf die man vielleicht im Laufe des Weges eine Antwort bekommt.

Diesen Weg zu laufen bedeutet mir die Vergangenheit abzuschliessen, zu verarbeiten und den Blick in die Zukunft zu richten. Ich habe keine Midlife Crisis, allerdings sollten wir einmal wieder auf uns selbst hören, auf die Urgeräusche der Natur – was wir in unserer Gesellschaft oft verloren haben.

Mein Weg geht weiter durch kleinere Orte und bringt mich nach 300km weiter nach Burgos.
Nun bin ich schon 2 Wochen unterwegs und habe noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft und es ist nun der 04. September. Durch brennende Hitze seit 2 Wochen und manchmal 35km am Tag gönne ich mir in Burgos ein paar Tage mehr um neue Kraft zu sammeln für die noch zu laufenden weiteren 500km.

Die kleinen Dinge im Leben

In meinem Hotel freue ich mich seit Tagen über ein richtiges Frühstück, so wie ich es von Zuhause kenne. Über saubere Wäsche und über mein Lieblingsduschgel, was ich dort in einer Parfümerie einkaufe. Manchmal sind es die kleinen Dinge, über die wir lernen uns wieder zu freuen.

Und zum Thema Parfum lerne ich auf diesem Weg meine Nase wieder noch besser kennen. Die Gerüche der Natur, des Waldes, der Wiesen und Blumen, sie sind Ursprung jeder Kreation, geben mir unglaublich viel.

Nun geht es weiter und nach dem Verlassen von Burgos bin ich nach einer Woche in Leon angekommen.

Und es kommt der Tag, den ich mir gewünscht hatte, dass er nie kommt: ich kann nicht mehr! Meine Füße wollen nicht mehr Laufen. Mein Kopf sagt ja, aber die Füße und Beine lassen mich über den Kathedralenplatz von Leon humpeln…

Halbzeit – wie soll es weitergehen?

So beschliesse ich einen Tag auszusetzen um die Beine zu schonen. Es ist Halbzeit und ich weiss nicht wie ich noch mal so viele Kilometer schaffen kann. Ich halte inne und muss weinen. Aber Weinen befreit und so entschliesse ich mich weiterzulaufen.
Ich haue den Wanderstab in die Erde und kämpfe mit mir selbst, ich gebe nicht auf, ich laufe bis ans Ziel. Doch mittlerweile fühle ich mich irgendwie einsam und beschliesse mit Menschen in Kontakt zu kommen.

So treffe ich nach Astorga 2 Frauen aus Deutschland mit denen ich schnell ins Gespräch komme und die nächsten Tage gemeinsam laufen werde, beide kommen aus Koblenz und geben mir in den nächsten Tagen das Gefühl das ich nicht allein bin. Es tut gut Menschen zu treffen – die Gespräche und das Beisammensein stärken auf diesem Weg besonders.

Doch auch dies ist nur von Dauer. Es kommt für mich der Moment, an dem ich alleine laufen möchte und es geht weiter – bis an die Grenze zu Galizien.

Es liegt noch einmal eine Horroretappe vor mir und an diesem Tag hört es nicht auf zu regnen: es geht zum O Cebreiro und der Wind peitscht mir den Regen stundenlang ins Gesicht. Ich bin nass, mir ist kalt und ich gehe an meine Grenzen. Die nächsten Tage laufe ich durch Regen, die Sachen werden Nachts nicht trocken und es sind noch 100km bis Santiago. Nach 3 Tagen Regen geht es langsam dem Ende entgegen. Durch Nebel laufe ich auf den letzten Kilometern und stelle mir die Frage ob ich alles nun mit mir selbst aufgearbeitet habe.
Mystisch dieser Nebel, wie meine Stimmung.

Nach 8 h laufen komme ich am frühen Abend am Ziel an und laufe vor die Kathedrale von Santiago de Compostela. Ich habe es geschafft. Bevor ich nun in die Kathedrale gehe bevorzuge ich den Weg in mein Hotel was in unmittelbarer Nähe ist um mich frisch zu machen um dann in alter Tradition der ankommenden Pilger den Heiligen Jakobus zu umarmen.

PARFUMgeflüster: der Weihrauchkessel in der Jakobskathedrale | Santiago de CompostellaNun führt mich mein Weg nach diesem Ritual ins Pilgerbüro um mir bescheinigen zu lassen und per Urkunde auszustellen diesen Weg zu Fuß gelaufen zu sein. Die Stempel in meinem Pilgerausweis bestätigen und beweisen dies.

Danach gehe ich voller Stolz in die Messe und es schwenkt dieses riesige Weihrauchfass durch das Chorschiff dieses mächtigen Gotteshauses.

Perfumum – durch den Rauch den Göttern geweiht

Der Ursprung des Parfums, da ist es wieder, meine Passion, meine Leidenschaft.PARFUMgeflüster: 0.00 km des Jakobsweg | Kap Finisterre
Nach einem gemütlichen Abendessen breche ich ein letztes mal auf um noch das letzte Stück zu laufen bis zum eigentlichen Finale dieses Weges. Fininsterre – das frühere Ende der Welt. Man sitzt beim Sonnenuntergang am Kap, genießt in Stille den Sonnenuntergang und ist am anderen Tag ein neuer Mensch.
Gänsehaut stellt sich und als ich vor dem Stein 0,00 km ankomme sehe ich ein Schild auf dem steht GAME IS OVER. Es ist der 26.September 2015. Das Spiel ist vorbei.

PARFUMgeflüster: Kilometer 0.00 - meine Reise auf dem Jakobsweg | Kap Finisterre

Wir sind alle auf dem Weg, mit bekannten oder unbekannten Zielen. Wir sind in Bewegung und es erscheint uns notwendig und richtig.
Ist es das? Ist es gut, auf dem Weg zu sein? Müssen wir wandern, um anzukommen? Brauchen wir ein Ziel?
Viele Fragen, die zu uns selbst zurückführen und den Gedanken nahelegen, dass wir unsere Heimat nie verlassen…

Wir sollten wieder anfangen uns auch im Alltag Momente für uns zu nehmen. Nun geht es zurück und während meines Rückfluges sage ich danke, das ich es geschafft habe und die Gewissheit zu haben, das dieser Weg immer in meinen Erinnerungen bleiben wird. Der Weg ist das Ziel.

Herzlichst
Ihr Marcel F. Reinhold

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